Wenn Männer Väter Werden

Heiner Fischer, Bild von Simon Erath
Heiner Fischer, Bild von Simon Erath

Ein Gastbeitrag Von Heiner, Vaterberater

In meiner Arbeit dreht sich viel um Frauen und Mamas. Das beginnt schon damit, dass ich selbst Frau und Mama bin und damit die Welt aus meiner Sicht betrachte. Ganz manchmal erscheinen auch Männer und Väter in Beratungen vor meinem Bildschirm. Ich bin immer ganz beeindruckt, berührt und glücklich diese neue Generation von Papas erleben zu können, die ihre Kinder liebevoll begleiten, Elternzeit nehmen und zeigen, dass Papa mehr ist, als nur der Geldeintreiber. Einer dieser tollen Väter ist Heiner, Sozialarbeiter und Vätercoach in Elternzeit. Hier bekommt ihr eine kleinen Einblick in sein Leben und seine Arbeit! Vielen Dank für diesen Beitrag. 

In der Schwangerschaft beginnt vor allem für die Frau eine große Umstellung. Der Bauch wächst und die Hormone spielen verrückt. Je näher die Geburt rückt, umso eingeschränkter ist der Bewegungsradius. Hinzu kommen Begleiterscheinungen wie Übelkeit, Hunger-Attacken und Nestbautrieb. Doch nicht nur bei Frauen sind Veränderungen zu erkennen. Bis vor einigen Jahren lag der Fokus wissenschaftlicher Studien vor allem bei Schwangeren. Seit einiger Zeit rücken Väter in den Fokus der Wissenschaft. Forscher*innen fanden 2014 heraus, dass der Gehalt der Geschlechtshormone Testosteron und Östrogen bei Männern messbar abnimmt. Es wird vermutet, dass sich Männer auch hormonell auf ihre Vaterrolle vorbereiten.


Wenn Männer Väter werden, ändert sich nicht nur die Steuerklasse

Für beide ist es zwar das erste Kind, aber aufgrund ihrer Sozialisation besitzt die Frau einen kleinen Fürsorgevorsprung. Während Jungen auf dem Fußballplatz kicken, passen Mädchen auf Kinder auf und verdienen sich ein kleines Taschengeld. Das war damals so und hat sich bis heute nicht wesentlich verändert. Frauen werden immer noch eher weiche und fürsorgliche Attribute zugesprochen, wohingegen Männer laut, hart und karriereorientiert aufwachsen. Trotzdem können sich werdende Väter heute immer weniger vorstellen, sich ausschließlich auf die materielle Absicherung der Familie zu konzentrieren. Gleichzeitig kehren immer mehr Frauen nach der Elternzeit wieder zurück in den Job.


Spätestens wenn Männer Väter werden, folgt automatisch die Auseinandersetzung mit der eigenen Biographie. Sie fühlen sich verletzt, weil das Kind zu viel Aufmerksamkeit von der Mutter bekommt und beschweren sich, weil das Bedürfnis nach Nähe, Intimität und Sex nicht mehr befriedigt wird. Gerade in der Anfangszeit brauchen Kinder viel Aufmerksamkeit, hängen an Mutters Brust und wollen getragen werden. Letztendlich verändert sich die körperliche und sexuelle Verbindung enorm und häufig fällt es Männern schwer, dies zu akzeptieren. Schließlich sind sie als Gewinner und Macher sozialisiert worden und haben nicht gelernt, mit Zurückweisungen umzugehen. Dann fallen sie in alte Verhaltensmuster aus ihrer Kindheit zurück, weil sie nicht gelernt haben, diese zu bewältigen. Spätestens dann hat die Partnerin neben dem Baby ein weiteres Kind, um das sie sich emotional kümmern muss.

Damit es im Laufe der Zeit nicht zu einem verhärteten Konflikt oder gar einer Trennung kommt, müssen Paare über diese gravierenden Veränderungen rechtzeitig sprechen. Die berechtigte Frage lautet daher: Wie können sich Männer überhaupt auf ihre Vaterrolle vorbereiten? Immerhin arbeiten knapp 75% der verheirateten Männer mit mindestens einem Kind in Vollzeit, während die Partnerin in Teilzeit arbeitet und sich gleichzeitig noch um die Kinder kümmert. Während Frauen sich also vor allem mit dem Mental Load herumschlagen, liegt der Financial Load bei den Männern. Vor der Schwangerschaft und eben auch nach der Schwangerschaft.

Familie gelingt nur gemeinsam – Neue Väter brauchen neue Mütter

Im Geburtsvorbereitungskurs wollte ein Vater wissen, wie er das Baby richtig halten soll. Er habe Angst es zu zerdrücken. Diesen Moment habe ich gefeiert, denn Männlichkeit bedeutet für mich eben auch, über solch scheinbar banalen Ängste zu sprechen. Die Väter müssen sich ihrer Bedürfnisse und Ängste bewusstwerden und gleichzeitig müssen Mütter den Vätern Platz machen für eigene Erfahrungen. Dafür braucht es Zeit für Gespräche und Raum für eigene Fehler. Ängste spielen bei Männern eine ebenso große und bedeutende Rolle, wie bei der werdenden Mutter. Männer hingegen haben nie gelernt über ihre Gefühle und die eigene Beziehung zum Vater zu sprechen. Der Kinderwunsch ist also ein perfekter Zeitpunkt, damit anzufangen. 


In der Männerberatung empfehle ich ein Zwiegespräch mit der Partnerin. Richtet es euch auf der Couch gemütlich ein und setzt euch gegenüber, sodass ihr euch anschaut. Nun beginnt eine*r von euch zu erzählen, während der*die andere nur zuhören darf. Kommentare sind nicht erlaubt. Nach fünf Minuten wird gewechselt und die Bedingungen gelten nun für den*die andere*n. Erst jetzt darf auf das Gehörte reagiert werden. Wichtig dabei ist, dass ihr bei euch bleibt. Wiederholt das Gehörte, indem ihr sagt: „Wenn ich dich richtig verstanden habe, dann…“ und „Mir ist wichtig, dass…“. Vermeidet also Du-Botschaften und sprecht aus der Ich-Perspektive. Nach spätestens einer Stunde beendet ihr das Zwiegespräch, nehmt euch in den Arm und bedankt euch für die Zeit.

Heiner Fischer, Bild von Simon Erath
Heiner Fischer, Bild von Simon Erath

Gerade Männern fällt es schwer über ihre Gefühle zu reden. Ihnen wurde früh beigebracht, dass Jungs nicht weinen und hart sein müssen. Diese Übung eignet sich daher perfekt, wenn die Kommunikation über Gefühle kaum gelingt. Sie erfordert Disziplin und Übung. Für den Alltag kann sie aber sehr hilfreich sein, weil beide Partner*innen oft erst abends zur Ruhe kommen und ungestört miteinander reden können. Dann kann ein Zwiegespräch hilfreich sein. Es gibt dabei kein Richtig oder Falsch. Wichtig ist, erst einmal ins Reden zu kommen. Diese Übung ist sehr gut geeignet für Paare, die wenig miteinander reden und den Abend vor allem vor dem TV verbringen.


Auch im sozialen Umfeld verändert sich einiges, was erst langsam beginnt und sich dann immer deutlicher abzeichnet. Kinderlose Freunde rücken in den Hintergrund und andere Familien werden interessanter und wichtiger. Die Bedürfnisse des Kindes stehen an erster Stelle und wollen gestillt werden. Bindungs- und Beziehungsaufbau gelingt über Zeit und Geduld. An zweiter Stelle folgt die Partnerschaft. Sie verändert sich und wird maßgeblich von den Bedürfnissen des Kindes gesteuert. Sich Zeit füreinander nehmen und Rituale aus der kinderlosen Zeit nachgehen, stärkt die Beziehung. Erst an dritter Stelle folgt der Mann mit seinen eigenen Wünschen und Bedürfnissen. Die erweiterte Familie und Freundschaften folgen entsprechen. An dieser Rangliste lässt sich erkennen, dass Familie eine krasse Veränderung zur kinderlosen Zeit bedeutet.

Mental Load oder: Die Frau fürs Leben ist nicht das Mädchen für alles

Was Laura Fröhlich so treffend in ihrem Buch schreibt, nennt sich „Mental Load“. Dieser Begriff bezeichnet die alltäglichen unsichtbaren Denkaufgaben, die vor allem Frauen leisten. Zusätzliche
Belastung durch Planungsarbeit und die damit eingehende Verantwortung für die Ergebnisse dieser Planungen. Damit die Gleichberechtigung nicht mit der Geburt des ersten Kindes endet, sollten sich
Männer mit diesem Thema auseinandersetzen und zum Beispiel diesen Fragebogen
beantworten. Er ist eine perfekte Grundlage für die Frage „Wie wollen wir Familienarbeit gestalten?“.

Kompetente Vaterschaft lässt sich nicht auf die Verantwortung reduzieren, Geld für die Familie zu verdienen. Männer sind gleichberechtigte Partner und mitverantwortlich, dass der Familienalltag gelingt. Das erfordert Mitdenken, Kommunikation und Wertschätzung für den anderen. Hilfreich sind wöchentliche Meetings, in denen die letzte Woche besprochen wird und die kommende geplant wird. Zuständigkeiten werden verteilt und Informationen ausgetauscht. Geteilte Kalender und Kollaborationsprogramme für’s Smartphone helfen ungemein im Alltag.


Wie das geht haben Laura Fröhlich in ihrem Buch (s.o.) und Patricia Cammarata in ihrem Buch „Raus aus der Mental Load Falle“ ausführlich beschrieben. Und wer unsicher ist, ob das nicht wieder eine feministische Sau ist, die durchs Dorf getrieben wird, darf gerne den Mental Load-Test für Väter machen. Link: https://dasnuf.de/der-grosse-mental-load-test-fuer-vaeter/ Wer weniger als zehn Punkte erreicht hat darf in den Kommentaren die Fragen beantworten, was Vaterschaft für dich bedeutet und woran sich deine Kinder später erinnern sollen, wenn sie an ihren Vater zurückdenken.

Vaterschaft ist mehr als Alleinverdiener zu sein

Damit Männer sich sowohl als involvierten Partner und aktiven Vater verstehen, braucht es vier Faktoren, die maßgeblichen Einfluss auf seine neue Rolle haben.

1. Motivation

Die eigene Entwicklungsgeschichte, Persönlichkeitszüge und Einstellungen beeinflussen die Motivation für eine aktive Vaterschaft. Während die einen Wissenschaftler davon ausgehen, dass sich positive oder negative Erfahrungen mit dem eigenen Vater wiederholen, gehen andere Wissenschaftler davon aus, dass Väter das fehlende Engagement ihres eigenen Vaters später kompensieren. Die Männer haben es also selber in der Hand, ob sie sich an positiven oder negativen Vorbildern orientieren und ob sie es anders machen wollen.

2. Selbstkompetenz

Kompetenzen und Selbstvertrauen steigen vor allem dann, wenn der Mann Erfolgserlebnisse mit dem Kind verbringt. Über Interaktionen lernt er sein Kind besser kennen und baut eine sichere Bindung zu ihm auf. Indem die Partnerin dem Mann also bewusst Verantwortung abgibt und auf ihn überträgt, kann er seine Vaterrolle entwickeln. Er lernt aus Fehlern und sammelt Erfahrung über das Tun und Handeln. Zeit ist ein entscheidender Faktor für aktives Lernen. Im Übrigen nimmt auch die Qualität der Interaktion mit dem Kind zu, je besser die Beziehung der Eltern ist.

3. Soziales Umfeld

Aktive Vaterschaft gelingt leichter, wenn das soziale Umfeld die neue Rolle wertschätzt und würdigt. Im Freundes- und Bekanntenkreis haben sich nicht alle mit der Wichtigkeit einer aktiven Vaterrolle auseinandergesetzt. Mann und Frau müssen lernen, sich mit ihrem Familienmodell nach innen und außen zu positionieren. Das väterliche Engagement steigt außerdem, wenn die Mutter berufstätig und ihre Einstellung zur Vaterschaft positiv ist. Sie gestaltet somit aktiv den Rahmen mit und vertraut in die Kompetenzen des Vaters, obwohl sie über den Fürsorge-Vorsprung verfügt.

4. Kontextfaktoren

Kontextbedingungen meint den beruflichen Status des Vaters und hier im Besonderen die Arbeitszeitautonomie. Ist das Unternehmen positiv gegenüber familiären Verpflichtungen eingestellt und herrscht Verständnis über den als Stress erlebten Verbindung zwischen beruflichen und familiären Rollen, steigt das Engagement des Vaters. Gleichstellungsbeauftragte sind nicht nur für die Rechte von Müttern da, auch Väter brauchen im unternehmerischen Kontext Unterstützer*innen, damit Vereinbarkeit und aktive Vaterschaft gelingen kann.

Welcher Vater Möchtest Du Gewesen Sein?

Unter Traditionalisten hält sich der Glaube, dass es ein Fürsorge-Gen ausschließlich bei Frauen gäbe. Wissenschaftler*innen haben tatsächlich Hormone gefunden, die Fürsorge in Gang setzen. Allerdings beim Mann. Das Couvade-Syndrom beschreibt entstehende Schwangerschaftssymptome beim Mann, wenn er mit einer schwangeren Frau zusammen ist. Stimmungsschwankungen, Gewichtszunahme und der wachsende Bauch sind typische Schwangerschaftssymptome, die auch beim Mann auftreten können. Evolutionsbiologen gehen davon aus, dass dieses Phänomen väterliche Fürsorge in Gang setzt.


Das gesellschaftliche Bild vom Vater muss daher neu geschrieben werden. Dafür braucht es sichtbare Vorbilder und Männer, die es anders machen. Die Vorurteile widerlegen und Sicherheit vermitteln, wie es anders gehen kann. Die Mut machen, dass andere Männer es ihnen gleich tun. Denn Männer sind liebevolle und fürsorgliche Partner, die sich selbst nicht zu wichtig nehmen müssen und sich die Erlaubnis geben dürfen, es anders zu machen. Damit sie Zeit haben, in Beziehung zu ihrem Kind und der Partnerin zu gehen und die Bindung zu stärken.


Die positive Entwicklung, dass aktive Vaterschaft sichtbar gemacht wird, ist sehr erfreulich. Denn Vaterschaft ist mehr als Alleinverdiener zu sein oder mit den Kindern am Samstag einzukaufen. Studien zeigen, dass Väter jetzt schon mehr Zeit mit ihren Kindern verbringen, als die eigenen Väter es taten. Für eine aktive Vaterschaft müssen Männer übrigens nicht gleich Hausmann werden. Es reicht schon, die Arbeitszeit zu reduzieren und mehr Zeit mit der Familie zu verbringen.


Damit Väter auf dem Weg zu ihrer aktiven Vaterschaft nicht allein sind, brauchen sie hin und wieder Unterstützung und Begleitung. Wenn du Papa wirst oder bist und wünscht dir einen guten Begleiter durch diese Zeit, dann schau mal bei Heiner vorbei.


www.Vaterwelten.de