Wenn Paare Eltern Werden

Herausforderungen Im Alltag

Autorin Denise Jacobs
Autorin Denise Jacobs

Mit Leseprobe Aus dem Buch "Mindestens Nur das Beste" Von Denise Jacobs

Wenn Paare Eltern werden, freuen sie ich erstmal auf die gemeinsame neue Zeit als Familie. Mit dem Alltag kommen jedoch auch neuen Herausforderungen. Wer übernimmt die Kinderbetreuung, wer den Haushalt und die Arbeit? Welche Rollen wollen wir als Eltern leben?


Oft bringen diese Fragen auch Streit mit sich. Denn viele Paare sprechen nicht bewusst darüber, sondern klären dies mehr oder weniger im Konflikt. Wer macht was? Was ist mehr Wert? Was ist anstrengender?


Dies erkennt man sehr schön in dem Kapitel von Denise Jacobs Roman "Mindestens Nur das Beste". (Unbeauftragte Werbung).


Erkennt ihr euch wieder? 

Bedürfnispyramide


Tag 22 nach der Geburt von Fiona


Freitag, 9. August


Paul kam spät von der Arbeit nach Hause, spät für einen Freitag, wo er normalerweise mittags Schluss machte. Die ganze Woche hatte er unzählige Überstunden gemacht.

Anna stillte Fiona gerade auf dem Sofa. Sie hörte, wie Paul die Tür aufschloss und seine Aktentasche abstellte. Dann setzte er sich behutsam auf die Truhe und begann langsam seine Schuhe auszuziehen. Anna hörte vom Wohnzimmer aus, dass er erschöpft war. Sie bemerkte es an der Art, wie er sich auf die Truhe setzte. War er voller Elan, dann knarzte sie. War er völlig am Ende, dann setzte er sich behutsam, so als ob er aufpassen musste, sich nicht zu verletzen.

Doch darauf konnte sie keine Rücksicht nehmen. Er begrüßte Fiona und Anna im Wohnzimmer mit einem Kuss, dann ging er ins Schlafzimmer und zog sich den Anzug aus.

Anna wartete, bis er sich umgezogen hatte. Diese paar Minuten Ruhe wollte sie ihm gönnen, denn er hatte schließlich eine enorm anstrengende Woche hinter sich. 

Genau wie sie.

„Kannst du Fiona bitte nehmen, damit ich in Ruhe etwas zu Essen machen kann?“, fragte Anna, als er schließlich in Unterhose und T-Shirt aus dem Schlafzimmer kam.

„Ich wollte mich gerade vor den Fernseher legen und ausruhen“, wehrte Paul ab.

„Ich muss etwas essen, und zwar jetzt!“, protestierte Anna. 

„Ich bin gerade von der Arbeit heimgekommen und völlig fertig.“ Er hob die Arme abwehrend nach oben. „In meinem Projekt ist so ziemlich alles schiefgelaufen, was schieflaufen konnte, als ich zwei Wochen nicht da war. Das poppt jetzt alles hoch. Meine Chefin erhöht immer mehr den Druck. Lass mich zuerst eine Stunde ausruhen!“ 

„Es ist achtzehn Uhr und ich habe noch kein Mittagessen gehabt. Von Kaffee ganz zu schweigen, aber den kann ich um diese Uhrzeit vergessen.“ Anna tippte ungeduldig mit dem Fuß auf den Boden. 

„Ich muss von der Arbeit runterkommen und abschalten.“

„Geh mit Fiona im Tragetuch eine Runde spazieren! An der frischen Luft kann man wunderbar abschalten.“

„Das funktioniert bei mir nicht. Ich muss fernsehen, um runterzukommen. Ansonsten kann ich später nicht schlafen, weil ich ständig an die Arbeit denke.“

„Soso, du musst also fernsehen ...“ Anna musterte Paul mit zusammengekniffenen Augen.

„Ja, genau.“ Paul blickte Anna erwartungsvoll an.

„Essen steht in der Bedürfnispyramide aber weiter unten als Fernsehen.“ Anna streckte ihm Fiona entgegen. 

Paul nahm sie widerwillig und setzte sich aufs Sofa.

Anna begab sich in die Küche. Als sie hörte, dass Paul den Fernseher angemacht hatte, ging sie zu ihm.

Paul saß auf dem Sofa, Fiona lag im Stillkissen, der Fernseher lief.

„Die Bilder im Fernsehen sind viel zu viele Eindrücke für ein Baby“, sagte sie.

„Du wolltest, dass ich Fiona nehme.“

„Ja, aber nicht zum Fernsehen. Du überforderst sie damit.“

Paul drehte das Stillkissen vom Fernseher weg, sodass Fiona zu ihm blickte. „Besser so?“

Anna legte den Kopf schief. „Ich denke, dass auch die vielen Geräusche sie überfordern. Kannst du den Fernseher bitte ausmachen?“

Paul zog die Augenbrauen nach oben. „Ich mach leiser“, murrte er und drückte auf die Fernbedienung.

Anna schloss ihre Augen einen kurzen Moment, atmete einmal durch und begab sich wieder in die Küche, um Knoblauch zu schälen.

Sie hörte Fiona neben den Fernsehgeräuschen quengeln. Sie goss Öl in eine Pfanne, stellte den Herd an und wollte gerade den Knoblauch dazu pressen, als Paul mit Fiona auf dem Arm im Türrahmen stand.

„Sie hat noch Hunger“, erklärte er.

„Ich auch!“, platzte es aus Anna heraus. „Ich koche jetzt für uns Nudeln mit Tomatensoße.“ Sie presste den Knoblauch in die Pfanne und rührte um. Sie stellte einen Topf mit heißem Wasser auf den Herd und ließ eine Prise Salz hineinrieseln.

„Kannst du Zucchini in die Soße machen? Das wäre toll.“

„Hm.“ Sie nahm eine Zucchini aus dem Kühlschrank und wusch sie unter dem Wasser ab. 

„Stille Fiona noch einmal, dann ist sie wieder ruhig“, bat Paul.

Anna seufzte. Sie drehte den Herd aus, legte die Zucchini auf ein Brett, nahm Fiona, ging ins Wohnzimmer, setzte sich mit Paul aufs Sofa und stillte Fiona. 

Nach drei Minuten war Fiona fertig. 

„So groß war der Hunger nicht“, kommentierte sie.

Paul blickte weiter in Richtung Fernseher. Anna wartete einen Moment. Er machte keine Anstalten, ihr Fiona abzunehmen.

„Nimmst du sie bitte wieder?“, fragte Anna ihn direkt.

„Leg sie ins Stillkissen!“

Anna legte Fiona hinein, begab sich in die Küche und stellte den Herd wieder an.

Paul verschwand kurz darauf im Bad.

Sie hörte Fiona im Wohnzimmer quengeln. 

Das geht so nicht.

Anna spürte, wie sie ungeduldig wurde, und atmete einmal tief durch. Sie schüttete Nudeln ins Kochwasser, holte ein Glas passierter Tomaten aus dem Vorratsschrank und kippte den Inhalt in die Pfanne mit dem Knoblauch, wobei etwas von der roten Soße hinausspritzte.

„So ein Mist!“, schimpfte Anna vor sich hin.

Fiona quengelte weiter. 

Anna hielt einen Schwamm unters Wasser, wrang ihn aus und wischte die roten Flecken in kreisenden Bewegungen von den Fliesen und der Arbeitsfläche ab. Ihre Bewegungen wurden dabei zunehmend hektischer. 

Sie hörte Fiona immer noch quengeln.

Es reicht.

Sie warf den Schwamm ins Spülbecken, wusch sich hastig sie Hände, trocknete sie ebenso hastig ab, warf das Handtuch auf die Arbeitsplatte, statt es aufzuhängen, eilte mit feuchten Händen zu Fiona, streifte ihre Hände an der Hose ab, nahm Fiona hoch, stampfte mit lauten, schnellen Schritten zum Bad und riss die Tür auf.

Paul saß auf der Toilette und zuckte einen kurzen Moment zusammen.

„Ich dachte, du kümmerst dich um sie“, meckerte Anna.

„Kann man nicht einmal in Ruhe aufs Klo gehen?“ Pauls Stimme war laut. Er klang gereizt.

„Nimm sie doch mit!“

„Aufs Klo?“ Paul verzog die Mundwinkel nach unten.

„Was meinst du, wie ich das mache? Ich nehme sie immer mit. Sonst quengelt sie. Entweder lege ich sie vors Klo auf ein Handtuch. Und wenn sie das nicht möchte, dann halte ich sie auf dem Schoß.“

Paul rollte mit den Augen und machte mit der Hand eine wegwischende Bewegung in Annas Richtung, als ob er versuchte, eine lästige Fliege zu verscheuchen: „Es wäre nett, wenn du mich jetzt alleinlassen würdest!“

„Weißt du, was ich nett fände? Wenn du am Abend heimkommst und sagst: 'Schatz, du hast das heute wunderbar gemacht. Ich danke dir! Jetzt aber nehme ich dir unser Baby ab, damit du dich ausruhen kannst. Gib mir Fiona, ich nehme sie ins Tragetuch und koche etwas für dich. Dann habe ich ein bisschen Zeit mit ihr und du hast Zeit für dich.' Das wäre nett. Aber nein! Alles muss ich hier allein machen!“, schimpfte Anna. „Nicht einmal den Wasserhahn hast du repariert.“

„Welchen Wasserhahn?“

„Den da.“ Sie zeigte auf das Waschbecken. „Der tropft.“

„Ehrlich?“, fragte Paul überrascht. 

„Seit zwei Wochen.“

„Ist mir nicht aufgefallen“, wehrte Paul ab.

„Deine Mutter hat es sogar schon gesagt.“

„Daran kann ich mich nicht erinnern.“

Anna schnaubte, drückte Fiona an sich, schnappte sich das Tragetuch, das an einem Haken über der Waschmaschine hing, und verschwand aus dem Bad. Sie legte Fiona kurz aufs Sofa, band das Tragetuch um und setzte sie hinein.

Nun mal langsam, immer ruhig bleiben! Mit Baby im Tragetuch kann ich wunderbar kochen, ganz wunderbar.

Ein beißender Geruch stieg ihr in die Nase. Es roch nach Verbranntem.

Oh nein, die Soße!

Sie eilte in die Küche, wo sich bereits Rauch ausgebreitet hatte. Anna nahm die Pfanne von der heißen Herdplatte und drehte die Temperatur zurück. Sie öffnete das Fenster und kratzte hastig in der Pfanne herum. Die Soße war angebrannt. Ungenießbar.

Nicht einmal Nudeln mit Tomatensoße kriege ich hin!

Sie knallte den Deckel auf die Pfanne und warf den Kochlöffel ins Spülbecken. 

Fiona schniefte geräuschvoll auf.

Anna war sauer auf Paul. 

Und auf sich selbst. Weil sie ausgerastet war. Unbeherrscht. Weil sie ihre Wut nicht bremsen konnte. 

Wie konnte sie wegen einer Kleinigkeit so ausrasten? Wo war ihre Nettigkeit geblieben? 

Sie war ungeduldig, sie spürte es. 

Warum fühle ich mich bedürftig? 

Den ganzen Tag kümmere ich mich um unser Baby und habe keine Zeit für mich. 

Nicht einmal Zeit zum Essen. 

Sie war hungrig. Ausgehungert. Und unterzuckert. Das erklärte ihre Ungeduld und die ganze Dringlichkeit. Als ob Hunger und Nettigkeit sich ausschlossen.

Sie goss das Nudelwasser ab.

Ihr Blick fiel auf die Zucchini, die noch immer auf dem Brett lag.

Sie legte sie zurück in den Kühlschrank und griff nach dem Ketchup.